Der Körper als Gefäss der Zeit – eine Spurensuche
Tanzen im Alter verliert sich nicht mehr im konventionellen Rausch der Jugend, es wird vielmehr angetrieben von Impulsen die intensiv, extrem freudig, extrem schmerzhaft oder dann extrem schlicht sein können. Das Flehen, nicht mehr der funktionierende, leisungsgetriebene und gebändigte Mensch zu sein um wieder Wasser, Feuer, Erde, Greis oder Girl zu werden.
Ich bin nicht nur was Du denkst – ich stehe auch für etwas anderes: Mensch sein mit Zugang zu seinen unendlich ozeanischen Tiefen, zu einer uralten, niemals zu zähmender Kraft. Vielleicht gelingt es uns, diese Tiefen auszuloten und das Alter in einen ungeahnten, sichtbaren Reichtum zu verwandeln, so dass sich das Letztendliche im Leben erfüllen kann – die Früchte des Lebens zu pflücken.
Ein Tanzzyklus, der unterschiedlichste Tanzstile und Tanzpositionen zusammenführt zum Thema der Tanz und das Alter. Wir haben eine carte blanche ausgestellt für unterschiedliche Tänzer*Innen/Duos/Tanzgruppen aus verschiedenen europäischen Ländern und sie dazu eingeladen, je eine eigenständige Tanzperformance ausarbeiten. Sie sind zwischen 28 bis 74 Jahre alt und beleuchten das Thema Alter aus ihrer ganz persönlichen Perspektive heraus.
Der Tanz-Körper im Alter ist von der eigenen, subjektiven Lebensgeschichte durchdrungen. Diese nagt an der Substanz des Körpers, an der Ausrichtung im Tanzgeschehen. Das Altern ist in sich subversiv, bewegt sich auf geheimen Pfaden und dringt ungefragt in das Alltagleben, Erleben und in die künstlerischen Prozesse ein. Ein alternder Körper ist der unmittelbare Ort, um die Vergänglichkeit unseres Seins auszudrücken. Die Tänzer*In transportiert diese Körperbotschaften in seine Performance hinein. Die Spuren und Einschreibungen der persönlichen wie kollektiven Lebensgeschichten liegen sichtbar offen und sind Aufforderung, sich der eigenen körperlichern Endlichkeit und Fragilität zu stellen.
Fruits of Life ist ein Tanzzyklus, in dem Verbindungen von Lebenslauf und Werklauf gesucht werden – Versuche, den tänzerischen Körper auch im Alter noch frei zu lassen, das Erstarren zu verflüssigen. Ein sichtbar gemachter Prozess aus aberhundert kleinen, grösseren und winzigen Abschieden – ein inneres Vorbereiten auf den grossen Abschied, den eigenen Tod.
Werden die Bewegungen im Alter ernster oder komischer? Katapultieren wir den Körper immer noch in den Raum? Stossen ihn ab? Ziehen uns gegenseitig an? Toben uns aus? Fallen hin? Küssen den Boden?
Tanz und Alter ist eine Disziplin, bei der bisher wenig vorgeschrieben ist, wenig Wege versperrt sind, weil sie wenig begangen und daher noch nicht oft kontextualiert worden sind. Eine klärende Rebellion, die Raum lässt für ungewohnte Impulse. Gedanken-Sprünge, die wie Flutwellen die Tänzer*In mitreissen, die wie ein Luftzug den Körper schaukeln, treiben, schwingen.
Das Alter ruft die Liebe zur Ordnung – Liebe ich genug? Liebe ich richtig? Mache ich sie nicht kaputt, wenn ich sie zu ergreifen versuche?
Alles Fragen an den Tanzkörper. So tanzen wir von der dunklen Seite des Mondes her, mit dem tiefen Verlangen nach intuitiver Verwandlung, nach sinnlicher Transformation, in ein wo Anders hin, vielleicht in ein zu sich Selbst.
Tanz und Alter oszillieren zwischen poetischer Offenheit und gradezu schmerzhafter Direktheit. Die Wunden, die der Körper über all die Jahre erleidet, können vernarben und heilen. Die inneren Wunden bewahre ich in mir als Tänzer*In, und wie menschlicher Humus werden sie verarbeitet, so dass durch Tanz und Alter das Wesen und der Körper geformt und umformt werden. Dies enthüllt eine eigene Ästhetik und Schönheit in sich, wie auch das Wissen und die Einsicht um die eigene Verletzlichkeit und Notwendigkeit, sich auf den Wandel einzulassen.