Puppets, Puppets

Für das Jahr 2022 /23

Im Arbeitsprozess
Studie zu 7 lebensgrossen Schaufenster-Puppen

Das Spannungsfeld von Tanz- und Schaufensterkörper

Innerhalb des tänzerischen, gesanglichen und gestalterischen Arbeitsprozesses gehen wir in den Diskurs von Natur und Künstlichkeit, Schein und Sein, Wahrheit und Fiktion, Wirklichkeit und Simulation, Original und Kopie, Echtheit und Artifizialität, Ganzheit und Aufteilung, dem ICH und der Inszenierung. Innerhalb der Performance werden diese Befragungen immer wieder aufs Neue sichtbar.

Unsere Auslegung besteht darin, in Auseinandersetzung zu gehen mit den Attributen einer Schaufensterpuppe, wie deren Schönheitsideal, ihrer Künstlichkeit, dem Mechanischen und Unbeseelten. Zum anderen kann sie Träger sein von Spiegelung, Wunschbild, Ersatz oder Projektion. Und nicht zuletzt auch als Andrioid, Alter Ego und Fetisch fungieren.
Alles in allem – ein unermessliches Feld der Auslegungen menschlicher Regungen.

Die Puppe fängt an zu zaubern

Im Spannungsfeld von Natur und Artefakt tauchen die Puppen in unsere Kunst ein. Der gegenwärtige Diskurs zwischen Körper und Technik ist von derselben Grundsituation getragen.

Dem setzen wir die sukzessive Umformung unserer 7 Puppen entgegen und initiieren eine Transformation mit den Mitteln der Modewelt und Natur, u. a. lassen wir uns inspirieren vom Surrealismus und Dadaismus.

Eine Puppe wird mit Schilfblumen bekleidet – ein gewordenes Naturwesen. Eine andere Puppe wird angetan mit durchsichtiger Folie, die dann später in der Lifesituation in allen Regenbogenfarben reflektiert wird durch den Lichtstrahl der Taschenlampen, mit dem die Besucher die Performance ausleuchten werden. Es werden textile Verlängerungen von Armen, Beinen entstehen, die in den Raum auslaufen, Ausbuchtungen von Schultern und Hüften. Wir fokussieren auch einzelne Körperteile, tanzen mit einem Arm oder schütteln Hände aus dem luftleeren Raum und besingen dazu einen Abschied.

PLAY

Wie weit ist es möglich, diesen Kunstfiguren eine eigenständige, lebendige Macht zu verleihen? Diesen Artefakten wohnt auch das irritierende Potenzial einer Emanzipation zu ihrem Schöpfer inne – einem Aufstand der Puppe, einer Täuschung des vermeintlich Realem.

Die Kunstmenschen der Gegenwart, die Cyborge und Avatare sind Produkte technischer Strukturen und digitaler Medien, eindimensionale Abbilder menschlicher Sehnsüchte und einfach zu konsumieren, da sie begrenzte Komplexität anbieten.

Uns interessiert vielmehr die unmittelbare Präsenz einer Kunst-Figur, die körperlich/räumlich erfahrbar ist, sich in 3 Dimension aufhält und somit Reibung erzeugen kann. Vielleicht kann das Verborgene sichtbar gemacht, Schein in Sein, Mechanik in Lebendigkeit gewandelt werden? Oder umgekehrt – das Künstliche dem Tod überführt werden, mechanische Grundstrukturen in der Lebendigkeit aufgezeigt, dem Sein ein Schein verleiht werden?

In der choreografischen Arbeit werden vorgängige Bedeutungen durch Tanz, Stimme und Klang von Mensch-und puppenkörper überlagert, verschoben und neu kommentiert. Sie sind Platzhalter für performative Impulse, Zeichen und Entschlüsselung für und in der Lifesituation.

Die Lifesituation und der szenische Raum

In der Lifesituation ist die Blackbox in ein tiefes Dunkel getaucht. Jeder der 10 Besucher erhält eine Taschenlampe. Innerhalb des Ereignisses erschafft sich jeder Gast sein eigenes Lichtspiel. So enstehen unterschiedliche Perspektiven auf die Performance – in jedem Lichtkegel ereignet sich eine eigene Realität. Und es spielen10 Lichtkegel zusammen aus dem Moment heraus, die das Geschehen gemeinsam ausleuchten und ein eigenes Spiel im Spiel entstehen lassen.

Während der Performance ist unser Tanz und klanglicher Dialog mit den Puppen bei jedem der 3 Durchgänge variabel und richtet sich nach dem Fokus, den die Besucher ausleuchten werden. Das Stück entfaltet sich durch den aktiven Zuschauer.

Betrachtungen zur Tanzperformance

Das Thema ist gegeben – das Menschsein im Spannungsfeld von Körper und Mechanik.
In unserer Inszenierung sind die Puppen Schlüsselfiguren und katalysieren das Geschehen. Es entstehen Beziehungen zu uns wie auch zu- und untereinander. Was spielt sich dabei ab, welche Zwiegespräche werden sich eröffnen? Jede Antwort wird eine neue Türe öffnen, der Augang noch ungewiss.

Es geht um die Suche nach dem Wie. Die Fragen motivieren die choreografischen Ansätze.
Am Anfang ist Alles ein offener Prozess, der zu Skizzen der Choreografie führt. So fange ich an im leeren Raum zu atmen und zerstöre meine subjektive Oberfläche. Tiefere, einfache Bewegungen erwachen, ein Reservoir an Gesten ist nun zu entdecken.
In Resonanz zu den Kunstfiguren werden von uns Haltungen eingenommen, bewusst gewählt, spontan, dialogisch, monologisch, sich in der Familie der Figuren bewegen und bewegen lassen. Es geht uns um die menschlichen Regungen. Durch die Arbeit von Mensch und Puppen können innere Zusammenhänge sichtbar gemacht werden.
Dieser Tanz provoziert kleine Bewusstsseinssprünge, Kurzschlüsse, Ueberraschungen. Der Tänzer und die Sängerin in ihrer traumwandlerischen Motion.

Assoziationen
Sich entblössen, den Puppen gegenüber stehen, aneinander abgleiten. Sich erinnern, bewegen, berühren. Haltungen einnehmen. Verlorenes aufsuchen. Nähe. An – und abwesenheit. Die Geste am Rande des Stillstandes. Gegen die Puppen laufen, fallen, werfen. Zusammensinken und aufstehen. Wiederholen, immer und immer wieder. Mit der Puppe eins werden wollen. Die Puppe auseinandernehmen, Ganzes und Fragment. Mit geschlossen Augen umarmen. Auf sie zugehen, wahrnehmen, Hindernisse eingehen. Raum geben. Liebesklagen. Lieben.

Mögliche Entwürfe für die textilen Umgestaltungen der Puppen